Merktipps

Das Einmaleins und Französisch-Vokabular clever auswendig lernen und automatisieren…

…aber wie, ohne dass das Gelernte kurze Zeit später wieder in Vergessenheit gerät? Ziel ist es ja, den gelernten Schulstoff, sei es nun das Einmaleins, Englisch- oder Französischvokabular, dauerhaft im Gedächtnis zu behalten.

Es lohnt sich daher, wenn wir einen kleinen Ausflug in unser Gehirn unternehmen. In der Regel interessieren sich die Kinder sehr für das Gehirn und dessen Funktionsweise – und wenn sie die Abläufe, welche beim Lernprozess ablaufen auch tatsächlich nachvollziehen können, sind sie in der Regel viel offener für die gehirngerechten Lernmethoden und merken, dass sie mit deren Anwendung plötzlich erstaunlich leicht und spielerisch Fortschritte und Erfolge erzielen. Vielleicht können Sie unser Gehirn Ihrem Kind ja in folgender kindgerechter Weise erklären (bei jüngeren Kindern vielleicht etwas vereinfachen):


Unser Gehirn ist plastisch (formbar) und ständig in Aktion. Das Gehirn kann man aktiv verändern – mit jeder neuen Lernerfahrung die wir machen, erzielen wir Veränderungen im Gehirn. Ein kleines Experiment: Versuchen Sie doch mal, als Rechtshänder mit der linken Hand die Zähne zu putzen. Zu Beginn sehr schwierig und mühsam, wenn Sie es aber eine Woche lang machen, kriegen Sie langsam Uebung darin. Im Gehirn hat sich also etwas neu, wenn auch noch schwach, verbunden. Ein anderes Beispiel der «Generation Smartphone»: Hirnforscher konnten messen, dass der sensomotorische Cortex (zuständig für die Steuerung der Daumenbewegung) im Gehirn in den letzten 10 Jahren fast doppelt so gross geworden und besser vernetzt ist.

Das Gehirn eines Erwachsenen wiegt ca. 1.3 kg, also 13 Tafeln Schokolade. Würde man alle Nervenbahnen des Gehirns aneinanderreihen, käme man auf sage und schreibe 5.8 Millionen Kilometer oder 145 Erdumrundungen.

Unsere Gehirnzellen (Neuronen) ähneln ein bisschen einem Baum. Die Zelle saugt die Information an den «Aesten» an (sh. Bild oben, linke Seite, die Baumästen ähnelt). Rechts im Bild, an den Nervenenden, bilden sich Synapsen. Der Vorgang findet also wie folgt statt: Die Infos werden bei den «Aesten» eingeholt und dann weitergeleitet Richtung Nervenenden.

Diese «Fühlerchen» (synaptische Endknöpfe) müssen sich beim Lernen miteinander vernetzen, bis es ein dichtes «Netz» davon ergibt (als Vorstellung eignet sich z.B. das Bild eines Fischernetzes gut).

Auf dem Bild oben sehen Sie eine Vergrösserung eines synaptischen Endknopfes. Wie findet nun der Informationsaustausch statt? Die weitergeleitete Information löst einen elektrischen Impuls aus (wie ein kleiner Stromschlag), der durch den synaptischen Endknopf geleitet wird und dort Botenstoffe ausschüttet, welche zur nächsten Zelle «hinüberschwimmen» und dort andocken.

Wenn dieser Impuls stark genug ist, wird in der nächsten Zelle wiederum ein elektrischer Impuls ausgelöst, so dass eine Verbindung stattfinden kann. Lernen heisst, im Gehirn Verbindungen aufzubauen. Je öfter etwas repetiert wird, desto stärker werden diese Verbindungen (sh. «starke Verbindung» oben im Bild).

Wenn also etwas so lange geübt und wiederholt wird, bis wir diese Sache ohne bewusstes Nachdenken ausführen können (beispielsweise Velofahren, Schwimmen, Autofahren, ein Stück auf dem Klavier spielen ohne auf das Notenblatt oder auf die Finger zu gucken, Maschinenschreiben mit dem 10-Finger-System, die Schuhe binden und gleichzeitig plaudern…), dann ist diese Sache soweit automatisiert, dass das Arbeitsgedächtnis (präfrontaler Cortex) entlastet wird und sich einer zusätzlichen Aufgabe widmen kann.

Grund ist der, dass der präfrontale Cortex, der Sitz unseres bewussten Denkens, nur seriell arbeiten kann: Eins nach dem andern. Wir können nicht über zwei Dinge gleichzeitig nachdenken. Aus diesem Grund müssen gewisse Grundlagen solange geübt werden, bis man sie sozusagen «im Schlaf» kann – denn erst wenn der präfrontale Cortex frei ist, entsteht Raum für Neues. Ein Beispiel: Wenn Ihr Kind den Satz «Ich fuhr mit Tante Alice in die Stadt» schreibt und ständig nachdenken muss, welche Wörter nun Nomen sind und gross geschrieben werden müssen, dass «fuhr» vom Wortstamm «fahren» kommt und somit mit «h» geschrieben wird, und «Stadt» mit «dt» geschrieben wird, dann wird es nie einen spannenden Aufsatz schreiben können. Wenn solche Dinge automatisiert sind und man nicht mehr darüber nachdenken muss, dann muss im Gehirn auch kein «Umweg» mehr gegangen werden, das bewusste Nachdenken erübrigt sich. Wenn man alles bewusst überlegen muss, kann man keinen Aufsatz schreiben, kein Musikstück spielen, keine komplexe Rechenaufgabe lösen und beim Lesen den Text nicht verstehen.

Daher braucht es die Arbeit des Automatisierens unbedingt. Denn nur so wird die Parallelverarbeitung im Gehirn möglich.

Anmerkung: Einerseits ist es erfreulich und kindgerecht, dass die Schule vom klassischen «Drill» weggekommen ist und dem spielerischen Lernen und Entdecken mehr Raum gibt. Andrerseits sind basale Rechtschreibestrategien, die Automatisierung des Einmaleins usw. einfach zwingend notwendig. Uebung und Automatisierung sind keine Gegenspieler von Kreativität und Flexibilität, sondern deren Voraussetzung.


Auf dem oberem Bild ist anschaulich dargestellt, wie sich das Gehirn im Zuge der Automatisierung verändert. Die bunten Flächen zeigen die Areale, die bei der Aufgabenlösung (z.B. 5x8 = 40) bei derselben Person aktiviert sind. Die linke Abbildung zeigt die Aktivierung des Gehirns am Anfang eines Lernprozesses, die rechte Abbildung zeigt die Aktivierung des Gehirns am Ende eines Automatisierungsprozesses.

Schauen Sie sich zur praktischen Anwendung folgendes Beispielsvideo (Vokabular lernen und automatisieren) an, erstellt von der Akademie für Lerncoaching (Rietzler & Grolimund):

 

Aeltere Kinder können dasselbe System ohne Elternteil anwenden, entweder mithilfe des Zettelkastens oder mit den Handy-Apps Quizlet oder cards2brain.

Hier zwei weitere Beispielsvideos (Rechnen lernen und automatisieren), erstellt von meinem geschätzten Berufskollegen Romeo Pfammatter: