Motivation

Wie Sie Ihr Kind motivieren können…

Zu Beginn möchte ich Sie kurz daran erinnern, dass es kein genetisches «Programm» in uns Menschen gibt, das automatisch aktiviert wird und uns antreibt, unbedingt Lesen, Schreiben oder Rechnen lernen zu wollen. Mir persönlich hilft dieses Wissen, toleranter zu sein, wenn die Kinder mal nicht so motiviert sind wie ich es mir vielleicht gerne wünschen würde.

Die Motivation, etwas lernen zu wollen, hat ganz viel mit den menschlichen Grundbedürfnissen zu tun:

Dazu ein Beispiel:

Nehmen wir für die rechte Sparte (sh. Bild, Sparte «Aufsuchen») den Max, der das Lesen spielerisch und leicht erlernt und bemerkt, dass ihm das Lesen Zugang zu wunderbaren Fantasiegeschichten wie z.B. Harry Potter gibt. Lesen ist für ihn somit spannend. Liest er abends vielleicht noch ein Kapitel im Bett mit seinem Vater, ist dies für beide eine schöne Erfahrung, was sich positiv auf die Beziehung auswirkt. Dann kriegt er noch Wertschätzung und Anerkennung von seinen stolzen Grosseltern und seiner Lehrerin. Je mehr Max liest, desto besser und sicherer wird er – kurz gesagt, er fühlt sich kompetent. In diesem Beispiel sind alle Grundbedürfnisse erfüllt - daher liest Max gerne und viel, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen.

Leider läuft es nicht immer so problemlos und positiv ab. Sehen wir uns ein anderes Beispiel an für die linke Sparte (sh. Bild, Sparte «Vermeiden») mit der Sophie: Ihr Lehrer hat vielleicht am Elterngespräch erwähnt, dass das Lesen unbedingt mehr geübt werden sollte. Sophie mag zwar auch Fantasie- und andere spannende Geschichten, guckt sich aber dazu lieber die Filme an. Warum? Lesen ist für sie noch mit viel Anstrengung verbunden, da es noch nicht automatisiert ist. Sie muss darauf achtgeben, dass sie die einzelnen Buchstaben korrekt zusammenhängt, daraus ein Wort bilden kann, dann schliesslich einen Satz, wovon auch noch der Sinn erfasst werden sollte… Dies ist für Sophie noch so anstrengend, dass sie Mühe hat, den Zusammenhang der Geschichte zu erfassen, weil ihr Gehirn noch damit beschäftigt ist, die Grundfertigkeiten des Lesens zu erarbeiten und zu automatisieren. Sie kommt dadurch mit ihrem Buch nicht wirklich vorwärts, es ist mühsam und anstrengend für sie und somit mit Langeweile verbunden. Die Beziehung zu den Eltern ist zwar gut; Sophie bemerkt aber, dass da schon so eine gewisse Anspannung in der Stimme ist, wenn die Mutter oder der Vater sie zum Lesen auffordert. Ausserdem muss sie ihr Spiel unterbrechen, und wenn sie dann schliesslich am Lesen ist, wird sie oft korrigiert, was zwangsläufig zu Konflikten und einer schlechten Stimmung führt. In der Klasse kriegt sie wenig Anerkennung und fühlt sich teilweise blossgestellt, wenn sie vorlesen muss und die andern vielleicht kichern. Egal wie viel Sophie übt, sie gehört immer noch zu den schlechteren Lesern in der Klasse. Dies führt dazu, dass das Gefühl aufkommen kann, dass alles Ueben angeblich doch nichts nützt und sie ja doch nicht besser wird. An diesem Punkt verschliessen sich die Kinder oft und fühlen sich logischerweise hilflos.

Fragen Sie sich nun, liebe Eltern: Werden die Grundbedüfnisse bei Ihrem Kind beim Lernen erfüllt? Hier einige Tipps, wie wir Kinder unterstützen können, das Lesen für sie spannender zu machen:


  • Tandem-Lesen: Das Kind liest eine Seite, dann lesen sie die nächste Seite, nun wieder das Kind eine Seite usw. Am Ende das Kapitels oder der Seite erzählen sie sich kurz, was sie gelesen haben.
  • Setzen Sie klare Lesezeiten (optimalerweise täglich zur selben Zeit) und halten Sie diese wenn möglich ein. Aber: Vermeiden Sie, das Kind während des Tages ständig daran zu erinnern, dass «wir dann noch lesen müssen» - habe selbst bemerkt, dass Kinder nichts so sehr nervt wie solche Aussagen von uns strukturierten Erwachsenen - und schon gar nicht, wenn sie mitten in ihr Spiel vertieft sind…
  • Eine einladende, kuschelige Leseecke einrichten und auch selbst dort lesen.
  • Manche Kinder gehen abends ungern zur vereinbarten Zeit zu Bett. Nutzen Sie dies und stellen Sie 15 Min. länger Wachbleiben in Aussicht, wenn das Kind während dieser Zeit für sich oder gemeinsam mit Ihnen im Bett noch liest.
  • Als kleine Belohnung: Nach dem gelesenen Buch zusammen die DVD angucken.

Versuchen Sie auch, nicht zu viel zu korrigieren. Die Lesehäufigkeit und die damit verbundene positive Erfahrung sind zu Beginn wichtiger. Auch spielt es für das Kind eine grosse Rolle, auf welche Art korrigiert wird: Vermeiden Sie mürrische Blicke oder leises Aufstöhnen – das Kind nimmt diese nonverbalen Signale genau wahr. Stattdessen: Gucken Sie freundlich, lächeln Sie das Kind ab und zu an oder berühren es kurz an der Schulter. Aufmunternde nonverbale Zeichen tragen viel zur Motivation und guten Stimmung bei.

Versuchen Sie, selbst noch so kleine Fortschritte zu sehen, diese in den Fokus zu nehmen und dem Kind aufzuzeigen. Es kommt darauf an, ob wir das Kind mit dem Rest der Klasse vergleichen oder mit sich selbst, z.B. den Lesefortschritt der letzten 2 Monate hervorheben. Dies kann ausgezeichnet gemacht werden, indem Sie Ihr Kind beim Lesen auf Video aufnehmen und ihm so seinen Fortschritt direkt aufzeigen können. Wenn Sie sich als Mutter und Vater über all die kleinen Schritte freuen (und dies dem Kind gegenüber auch ausdrücken, wie z.B. «seit wir regelmässig zusammen lesen, wirst du besser»), erkennt auch das Kind, dass es langsam aber sicher Fortschritte macht und sich das Ueben lohnt.

Hinweis: "Lesemuffel" nicht mehr als 15 Min. pro Tag lesen lassen, dies dafür konsequent einfordern, damit das tägliche Lesen zur Routine wird.